
Während er unter seinem Geburtsnamen Philippe Auclair seinem Brotberuf als einer der bekanntesten und geistreichsten Fußball-Experte nachging, ließ Louis Philippe seine Community hingebungsvoller Fans im vergangenen Jahrzehnt vergeblich auf ein musikalisches Lebenszeichen warten. Aber wie sagt doch der Volksmund über das Londoner Busnetz? Man wartet Ewigkeiten auf einen, und dann kommen sie alle auf einmal. Louis Philippes musikalischer Output scheint einem ähnlichen Fahrplan zu folgen:
In diesem Jahr erschien bereits The Devil Laughs, seine von der Kritik gepriesene Zusammenarbeit mit Young Marble Giant Stuart Moxham, nun gefolgt von Thunderclouds, einem gemeinsamen Projekt mit The Night Mail, einer Drei-Mann-Band bestehend aus dem Musiker und Journalisten Robert Rotifer an der Gitarre, dem Acid Jazz-Künstler und Ex-Mitglied von Paul Wellers Band Andy Lewis am Bass, sowie ex-Thrashing Doves bzw. Death in Vegas-Mitglied Ian Button von der Londoner Szene-Band Papernut Cambridge am Schlagzeug.
The Night Mail traten zum ersten Mal im Jahr 2015 auf dem Hamburger Label Tapete Records mit ihrer Zusammenarbeit mit dem britischen Kult-Singer-Songwriter John Howard in Erscheinung (das Album John Howard & The Night Mail verdient übrigens eine Wiederentdeckung). Dieselben drei Musiker bildeten auch den Kern der Band hinter Spätes Leuchten, dem letztes Jahr erschienenen, vielfach abgefeierten musikalischen Comeback von André Heller. Ende 2017 waren The Night Mail bereits beim zweitägigen 15-Jahre-Jubiläums-Festival von Tapete im Londoner Lexington mit Louis Philippe aufgetreten, nachdem sie am Abend zuvor den großen Robert Forster begleitet hatten. "Als ich im Lexington mit The Night Mail spielte, wurde mir sofort klar, dass ich mit diesen Leuten eine Platte machen könnte", meint Louis Philippe, "denn die arbeiten gut und schnell."
Ironischerweise sollte es aber noch drei Jahre dauern, ehe das Album, das sie einander an jenem Abend versprachen, tatsächlich das Licht der Welt erblicken würde. Louis Philippe und Robert Rotifer sind seit vielen Jahren eng befreundet. In der jüngeren Vergangenheit hat ihr gemeinsames Erleben des turbulenten Abgangs Großbritanniens aus der EU den Exil-Franzosen und den Exil-Österreicher noch enger zusammengebracht. Am Ende war es das Zusammentreffen dieser eskalierenden Krise mit der derzeitigen Pandemie, das den beiden klarmachte: Wenn diese Platte je rauskommen sollte, dann musste das jetzt sofort geschehen.
Am Ende der ersten Phase des Lockdown besuchte Rotifer Louis Philippe in dessen Londoner Wohnung zwecks Durchstöbern des uferlosen Stapels von Skizzen, die sich im Laufe seiner ausgedehnten Schaffenspause angesammelt hatten. Anfang September versammelte sich die ganze Band dann schließlich zu zwei Proben, ehe sie sich in den Rimshot Studios im ländlichen Kent heimisch machte. Dort wurden alle Backing Tracks, sowie Streicher (Rachel Hall von Big Big Train bzw. Ex-Stackridge) und Bläser-Parts (Shanti Jayasinha) eingespielt. Darauf folgte eine weitere Overdub-Session in Rotifers Heimstudio in Canterbury, wo unter Andy Lewis' akribischer technischer Leitung der Großteil der Gesangs-Parts, zusätzliche Keyboards und Gitarren aufgenommen wurden. Das Ergebnis ist ein Album, das den Sound der sagenumwobenen Prog-Szene jener Stadt ebenso verkörpert wie Philippes tiefe Wurzeln in der französischen Schule des Liederschreibens und eine geteilten Liebe für die herbstliche Seite des Sunshine Pop.
Die A-Seite beginnt mit "Living on Borrowed Time", dem von einer eingängigen Bass-Linie angetriebenen, imaginären Titellied eines verschollenen Lemmy Caution-Krimi-Dramas. Der Titelsong des Albums kleidet das Herannahen eines metaphorischen Sturms in jazz-lastige, an Robert Wyatt erinnernde Akkorde, die auf magische Weise dem singenden Lärm der Schleifmaschinen auf einer Baustelle in Louis Philippes Nachbarhaus entwachsen. Indessen bringen die beiden leichtfüßigen Walzer "Fall in a Daydream" und "Once in a Lifetime of Lies" das Kunststück fertig, London in Paris zu verwandeln, und genau dort kommt es im Schluss-Song "When London Burns" denn auch zu einer fiktiven Begegnung zwischen einem anglophonen Michél Polnareff und dem britischen Disco-Guru Biddu. Dazwischen durchqueren wir die verlassenen, nächtlichen Straßen der urbanen Soundscape von "Alphaville", die dynamischen Hügellandschaften zweier Song-Suiten ("The Man Who Had It All" und "Rio Grande"), die zarten Tropicalia- und Folk-Töne von "The Mighty Owl", die überraschenden Gospel-Grooves von "Love Is The Only Light", die Stop-&-Start-Dramatik von "No Sound", die unerwartet keltischen Anklänge von "Do I" und das ebenso irrwitzige wie schöngeistige Semi-Instrumental "Willow".
Wie es Louis Philippe geschafft hat, all diese Ideen jahrzehntelang mit sich herumzutragen, bleibt ein Mysterium. Doch sobald er seiner Musikalität freien Lauf lässt, ist er nicht zu stoppen, Und wie er es schon damals im Jahre 2017 voraussagte, sollte sich The Night Mail (so hießen einst die nächtlichen Postzüge der Royal Mail) dabei als ein ideales Beförderungsmittel seiner Ideen erweisen. Zweifellos ist diese neu gefundene Dringlichkeit aber auch ein Zeugnis der herausfordernden Zeiten, in den den wir alle leben. Und der herannahenden Donnerwolken, die bereits am Himmel stehen. "Thunderclouds over the mountain, roll on by heavy with rain.? (Text: Presseinfo)